Emotiratio

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00099

Höflichkeit oder Entsolidarisierung?

Sie Arschloch ist schwerer gesagt, als du Arschloch.

Aber ich finde, da wird  eher umgekehrt ein Schuh draus.

Wen Duzen wir denn? Die Familie, die Freunde, die Bekannten, die, die wir mögen.

Wen Siezen wir?

Die, die in einer imaginären und realen Hierarchie höher stehen.

Und wo findet man mehr Arschlöscher?

Aha. Also wird durch die Höflichkeitsform verhindert, dass man die, die es sind, so nennt was sie sind.

Ein Hauptargument für das SIE ist oft, man würde sonst die Höflichkeit und den Respekt verlieren.

Ich persönlich DUZE meine Freunde und Bekannten und bringe ihnen jede Menge Respekt entgegen. 

Bei Wikipedia steht

Wikipedia  Höflichkeitsform:

„Der Begriff höflich, der dem Substantiv Höflichkeit zugrunde liegt, wurde im 12. Jahrhundert als „hovelich“ in den deutschen Sprachschatz aufgenommen[2] und bedeutet soviel wie „dem Hofe“ entsprechend, d. h. in Gepflogenheiten und Sprache dem Hofstaat nachempfunden. “

Früher mussten die Kinder auch ihre Eltern siezen, d.h., die Kinder wurden in der Hierarchie unten angesiedelt.

Eben dem Hofstaat nachempfunden.

Da hat sich das Volk aber ein Beinchen gestellt.

Es heißt Höflichkeitsform.

Ist das Du unhöflich? Bringen wir denen, die wir duzen keinen Respekt entgegen?

Worum geht es eigentlich?

Wenn das eine die Höflichkeitsform ist, ist das Du unhöflich, und natürlich wird die Gleichheit der Menschen damit negiert, die existiert nicht mehr, denn natürlich sind die, die man siezen muss, also höflich behandeln, wertvoller, oder?

Es gibt ja auch Länder, da existiert kein Sie.

Warum brauchen wir die Distanz? Denn es ist nicht nur Höflichkeit, Respekt, es ist auch Distanz.

Ein zweischneidiges Schwert.

Zum einen lässt man nicht alles so nah an sich ran, zum anderen schafft das genau den Nachteil, das die Entsolidarisierung und Anonymisierung weiter fortschreiten.

Wenn man auf der Straße jemanden sieht, dem es anscheinend nicht so gut geht, kann man den dann ansprechen, fragen, ob man helfen kann, ich meine noch nicht mal Obdachlose, sondern wenn jemand anscheinend weint, wenn jemand offensichtlich traurig ist.

Doch, man kann auch mit SIE fragen, ob man helfen kann. Aber wer traut sich das schon.

Eindringen in die Privatsphäre. Geht einen doch nichts an. Halt dich raus, so sagte mir meine Mutter einmal, als ich weinte, weil ich erfahren hatte, ein Schulkamerad  hatte Probleme mit Drogen.

Halt dich raus, misch dich nicht ein, geht dich nichts an.

Wir sind uns fremd. Wir schämen uns, wenn wir etwas mit bekommen, was uns nichts angeht.

Vor kurzem bekam ich in einem Geschäft mit, dass eine Frau erzählte, dass sie eine schwere OP vor sich hatte.

Ich drehte mich zu ihr um und wünschte ihr alles Gute dafür.

Sie meinte mich belehren zu müssen, mich, mit 67 Jahren. Sie hat sich nicht gefreut, dass da jemand ihr alles Gute wünschte.

„Alles Gute Ihnen für die OP.“

„Alles Gute dir für die OP.“

Das „Sie“ zeigt die Fremdheit, die auch Freundlichkeit reduziert.

Die Verbindung von Mensch zu Mensch wird erschwert.

Wir werden in unserer Vereinzelungsgesellschaft immer mehr auf uns reduziert, durch Aufbau von Pseudofeindbildern, um die Machtausgeweitetenemotionsreduziertenkompetenzneurotischen wirklich Feinde nicht zu erkennen.

Der Arbeitslose ist der Pseudofeind des Arbeitenden, der Arbeitende aber auch der Pseudofeind des Arbeitslosen.

Die Heimatverlustigenheimatsuchenden sind die Pseudofeinde der Heimatbesitzendenunddenanderenheimatzerbombenden.

Jeder hat vor jedem Angst, den er nicht kennt.

Und das ist so gewollt, denn was würde passieren, wenn die, die anonymisiert werden und entsolidarisiert beides wiederfinden würden und sich zusammenschließen würden um gegen die wirklichen Feinde zu kämpfen?

DAS würde passieren:

Revolution

Sie saßen zusammen

und plauderten lustig

als die Nachricht

zu ihnen drang

dass die Lage der

Firmen ganz miserabel

was sie zu Entlassungen zwang.

Da schauten sich alle

mit Entsetzen an

und schwiegen gemeinsam

im Chor

nur einer war mutig

und hielt eine Rede

bevor

die anderen erstarrten

aus Angst vor der Zukunft

und er rüttelte

an ihrem Sein

indem er sie zwang

in anzuhören

hinweg

von dem schweigsamen Schein.

Und als sie so sahen

welche Kraft er

verteilte

da wurden sie mutig all

und standen auf

und gingen raus

und es erscholl ein Schall

Und die Menschen

in den Häusern

erwachten vom Schlaf

der für die Nacht war gedacht

und schlossen sich an

dem Zug durch die Stadt

und so war der Anfang gemacht.

Sie begann nur

ganz sanft und brauchte

noch Zeit

für die große Entwicklung

der Welt

doch war es schon das,

von dem man weiss

dass es den Oberen

nicht gefällt.

Es wurden mehr

und als es dann

ganz viele waren im Zug

der durch die Straßen zog

da sprach der erste

von Revolution

die dann jeder für sich

erwog.

Und sie gingen in die

Firmen und weckten

dort

die, die noch schliefen

ganz fest

und als die geweckt

da sah man schon

dass gab den

Bonzen den Rest.

Sie liefen ganz schnell

solange sie konnten

aus der Stadt und

weinten gar sehr

denn wussten sie doch

das war das Ende

nun gab es niemanden

mehr

der ihre Ausbeuterei

noch mitmachte

sie waren verloren

und wussten

es gab kein zurück

kein Wasser und Brot

die Menschen würden ihnen

was husten.

Und dann wurden Firmen

von vielen übernommen

gemeinsam wurde geschafft

was vorher nur wenige

zu eigenen Zwecken

sie hatten nur Geld gerafft.

Und jeder bekam nun

eine Arbeit,

was immer es auch war,

er wurde gebraucht und

wurde bezahlt

die Situation wurde klar.

Und jeder wurde

zufrieden und froh

weil er endlich wieder

genas

von Angst und Sorge

ums tägliche Brot

dass er immer in

Maßen aß.

Die Welt wurde anders

es wurde gelacht und

Freiheit wurde normal

und diesmal

das wussten sie

sie spürten es ja

war sie nicht mehr nur

formal.

© by Sofie Stenzhorn, Königswinter, 2013-2021

 
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